Hugo Diciol

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Nein, an diesen Mann wird man sich auf dem Maghreb wohl kaum erinnern, obwohl er dort länger tätig war. Selbst in seiner früheren Heimat wissen nurmehr die Älteren von Hugo Diciol, der von 1956 an bis in die frühen 1980er als Priester die katholische Pfarrei St. Anna Biebertal/Wettenberg prägte. Mehr, als es den Konservativen in der Diaspora lieb war.
Hugo Diciol? In der Internet-Suchmaschine finden sich 351 Einträge dazu; mit Unterstrich zwischen Vor- und Nachname gar nur sechs.
Wie kommt die Erinnerung an diesen Gottesmann hier in dieses Ausstellungsprojekt? Vielleicht lässt es sich in wenigen Sätzen erklären (obwohl dies ganz und gar nicht meine Art ist ;-).
Bei ihm war ich Ministrant, ein „Lausbub Gottes“. Von ihm lernte ich, was „Tout comprendre, c’est tout pardonner“ heißt. Mit ihm konnte ich mich anlegen, zoffen. Unvergessen, wie er mir mal im Hochamt während der Wandlung (!) eine schmierte, weil ich gelacht hatte.
Irgendwann verloren wir uns aus den Augen. Er hatte seinen Dienst bei uns quittiert; nach meinem Dafürhalten, weil ihn Widersacher in der Pfarrei weggemobbt hatten (Was er, der Pfarrer, immer bestritt: Es sei Gottes Wille gewesen). Jahre später – er war bereits im Ruhestand – erreichte mich Post von ihm, sein individualisierter Jahresbrief. Darin erzählte er, dass er nach dem Eintritt ins Rentenalter in Marokko gearbeitet habe in der Auslandsseelsorge, als Priester für Touristen – in Marokko, in Essaouira. Genau dort, wo ich 1973 angedockt hatte. Just auch auf dem alten Campingplatz, an dessen Stelle schon lang ein Nobelhotel steht, auf halber Strecke der Avenue Mohammed V., und er schrieb, dass er auch in der kleinen katholischen Kirche, in der Avenue Al Moukaouama, die Messe gelesen habe.
image.jpegWir haben uns noch einmal getroffen zu einem langen Gespräch hier bei uns in Wettenberg. Er wohnte da in Freinsheim bei Ludwigshafen. Haben uns auch noch einmal gesehen bei der Vorstellung seines Buches „Segel in den Wind“.
Monate später brachte der Postbote ein Paket: Hugo Diciol vermachte mir aus seiner Zeit in Marokko seine Winterdjellaba. (Die muss jetzt freilich mit zu „Marokko Momente“.)
Was folgte? Weiterhin im Dezember der Jahresbrief. Und dann im Mai 2007 die Nachricht, dass er seinen irdischen Weg vollendet habe. Im gesegneten Alter von 87 Jahren. Der Trauerkarte beigelegt war sein letzter Brief, den er für diesen Fall vorbereitet hatte. Wie immer schloss er „als Euer stets wohlaffektioniertes Landpfäfflein“ grüßend.
In „Segel in den Wind“ hat er ein Kapitel dieser Zeit in der Tourismus-Seelsorge gewidmet. Im Gespräch war er ausführlicher. Auch das also „Spurensuche auf dem Maghreb“.
Meine Buchbesprechung in der Gießener Allgemeinen Zeitung 1998 war überschrieben mit »Ansichten eines Clowns“. Despektierlich? Von wegen: Man lese nur das Kapitel „Der Clown Gottes“. Wenn wir denn schon mal dabei sind, hier noch ein paar Auszüge aus diesem Bericht. Darin ist die Rede von einem „Don Camillo mit Charme und Witz, mit Ecken und Kanten, der Sakramenten- und Trostspender war, Berater in allen Lebenslagen, beim Kirchbau Maurer und Plattenleger, Baumaterialsammler und Maler, Spediteur und Polier, in der Freizeit Skilehrer und Jugendpfleger“. Er überzeuge – auch auf seine alten Tage hin – mit Dynamik, Frische und Liebe, mit Geist und Intellekt, mit Wortspiel und mutmachendem Schulterklopfen.
„Hugo Diciol hat immer wieder Haken eingestreut; Anker vielleicht, Knotenpunkte mit Reibungsflächen (auch und gerade für Katholiken). Ein Beispiel von etlichen betrifft die Amtskirche und deren Haltung zu Ehe und Scheidung. Der 1921 geborene Gottesmann spricht aus Erfahrung: »Ich bin ein Kind aus einer gescheiterten Ehe. (…) Ich hatte das Glück, (…) mit einer vaterlosen Kindheit fertigzuwerden – soweit man damit überhaupt fertigwerden kann.« Und er habe nur allzu oft Menschen in christlicher Not helfen müssen, denen es nach Scheidung und neuerlicher Ehe etwa verwehrt war, mit ihren Kindern zur Heiligen Kommunion zu gehen. Diciols Frage klingt progressiv: »Ist Christus wirklich die Speise auf unserer Pilgerfahrt auf Erden, wo die Wege nicht immer glatt und richtig ausgeschildert sind? Oder wird Christus von uns – zur Belohnung – für die gemacht, die sowieso die Starken und Korrekten sind? Will man in Rom zuwarten, bis man (…) mit der dann wohl-feilen Selbstanklage kommen kann, dass die damalige Entscheidung zeitbedingt, aber falsch und ungerecht war – wie bei Galileo Galilei?« Diciols Forderung: »Von der Kirchen muss wieder mehr Zuversicht, Hoffnung und Freude für den Alltag von Christen ausgehen! Daran könnte dann auch die Hoffnungslosigkeit und Angst in unseren Tagen gesunden.«
Das soll reichen. Nein, doch nicht ganz.
Tout comprendre, c’est tout pardonner, so sagte er, sei ein (nicht nur für die Seelsorge) wichtiges Regulativ, ausgleichend, keineswegs einem Indifferentismus, einer einseitigen Situationsethik das Wort redend. Wann immer es eng wird, erscheint der nachfolgend zitierte Diciol-Wahlspruch auf dem inneren Bildschirm: „Eingefordert ist die Offenheit zum Leben, wie es ist, und nicht, wie es sein könnte, wenn…“
Alsbald in Essaouira, an der kleinen Kirche (Foto), auf einen Moment des glücklichen Erinnerns.
7. September 2016 / no.

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