Anregendes

am

Weil die Geschichte auf dem Maghreb ihren Ursprung hat, weil sie bewegt und mindestens nachdenklich macht, weil sie bei aller ihre inne wohnenden Utopie viel Wahrheit enthält, weil sie ein klein wenig auch Antwort ist auf die Frage, warum es den inmitten Europas sozialisierten und dort auch verwurzelten Menschen immer wieder nach Marokko verschlägt (und warum er den Traum nicht aufgeben will, eines Tages, im Alter, wenigstens einmal nach Beirut zu gelangen sowie nach Algier und Oran) – deshalb sei an dieser Stelle auf ein kleines Büchlein verwiesen, das 2015/16 beim Verlag Mathhes & Seitz in Berlin erschienen ist, das ein lieber Freund dieser Tage unterbreitete mit dem Hinweis, die Lektüre tue gut: „Glückliche Genügsamkeit“ ist der deutsche Titel, im französischen Original aus 2010 heißt es „Vers la sobriété heureuse“. Der Autor: Pierre Rabhi.Zweifelsohne ist es eine Streitschrift. „Die europäische Moderne hat den Mensch erst der Erde, nun der menschlichen Gesellschaft entfremdet; aus Ernte ist Produktion, aus Beziehung Kommunikation geworden“, lesen wir im Klappentext. Wo immer ausgetüfteltere Geräte das Leben erleichtern sollten, seien die westlichen Gesellschaften von ihnen abhängig geworden. „Der Mensch, versklavt von Technik, Finanzmarkt und Konsum, ist verletzlich und unfrei wie nie.“ In einer grundlegenden Kritik der Moderne enttarne Pierre Rabhi deren Verlockungen als Blendwerk. Die neue Unermesslichkeit der überfordernden Informationsgesellschaft, die Prämissen des zwanghaften Fortschritts und des »Immer mehr«, sowie die Glücksverheißungen des Konsums bedeuten nicht die Befreiung des Menschen, sondern dessen schleichende Unterjochung.

Die Erzählung beginnt in einer kleinen Oase im Süden Algeriens, bei einem Dorfschmied und dessen Familie – darunter ein Sohn. Dieses „schweigsame Kind“ bewundert den Vater, ist stolz auf ihn. Das Kind? Selbstredend ist das der 1938 geborene Autor, der Jahrzehnte später „Das Ende einer jahrhundertealten Welt“ beschreibt. Ach was: Er beklagt diesen Wandel.

Dann, unmerklich, langsam, beginne alles in dieser Welt aus den Fugen zu geraten. Der Schmied werde traurig, sei besorgt. „Abends kehrt er nicht mehr nach Haus zurück, wie es ein freien Jäger tun würde – zwar bisweilen mit leeren Händen, aber doch meistens mit einem mit Essen reich gefüllten Korb für seine Familie, Nahrung (…) die er dem Wohlwollen Gottes verdankt.“ Für den Schmied gebe es bedrängend wenig Arbeit. Die französischen Besatzer hatten Kohle entdeckt in der Nähe, boten allen tauglichen Männern eine bezahlte Arbeit beim Abbau der Bodenschätze an.

„Die Zeiten, in denen das Leben einen intensiven Geschmack aufwies, sind vorüber – und auch die Ewigkeit. Die Stunde schlägt nach den (…) Uhren, die bis dahin unbekannt waren. (…) Die neue Zeit möchte alle ‚Zeitvergeudung‘ abschaffen.“

Hier halten wir mal inne. Sollte ja nur ein Hinweis sein aufs Büchlein. Bei Matthes & Seitz lesen wir, dass Rabhi Landwirt, Umweltaktivist und Schriftsteller. Er gelte als einer der Begründer der ökologischen Landwirtschaft in Frankreich und engagiere sich besonders für die umweltfreundliche Entwicklung von Dürreregionen. Zur Beförderung einer ökologischen Lebensweise gründete er die Organisation »Colibris«, die in Frankreich heute mehr als 100 Ortsgruppen hat. Erhellend auch, was „Wiki“ zur Biografie des Mannes sagt: Vier Jahre nach der Geburt des kleinen Pierre in Kenadsa im Süden von Algerien (unweit von Rissani/Marokko) sei die Mutter gestorben. Der Vater, „ein Schmied, Musiker und Poet“ habe ihn zunächst in die französische und in eine islamische Schule geschickt und ihn dann einem französischen Paar anvertraut (Ingenieur und Lehrerin, die dort arbeiteten). „Somit wuchs Pierre Rabhi sowohl mit einer westlich-katholisch geprägten als auch mit der islamischen Kultur auf: Als 16-Jähriger entschloss er sich, zum Ärger seines Vaters, zum Christentum zu konvertieren. Bei Ausbruch des Algerienkriegs 1954 sah er sich in einer heiklen Situation: Sein Vater akzeptierte ihn nicht mehr und sein ‚Adoptivvater‘ hatte ihn aufgrund eines Konflikts aus dem Haus geworfen – er übersiedelte nach Paris.“

Heute heißt das „Culture clash“ …

Das Apropos zum Apropos: Der Buchtipp „Marokko“ von Muriel Brunswig aus der„Kulturschock“-Reihe von „Reise Know-how“.

20. September / no.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s