Helgrit

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Es gibt nicht allzu viele Künstler im Mittelhessischen, die sich der Bildhauerei im weitesten Sinne verschrieben haben, dem Modellieren von Plastiken oder Skulpturen. Helgrit Völpel aus Wettenberg ist eine aus dieser Gilde. Ob lebensgroße Figuren oder Büste, ob Pappmachee, Ton oder Bronze als Material – ihre Werke sind von einer ganz eigenen Zartheit. Ihnen wohnt, so war es dieser Tage in der Gießener Allgemeinen Zeitung zu lesen, ein Hauch von Camille Claudels Kunst inne.Jetzt stellt sie mit uns bei den „Marokko Momenten“ aus, präsentiert ihre Büsten. Darunter – auch dies ein Maghreb-Thema, nicht erst seit Mahi Binebines Roman „Kannibalen“ – Gesichter von Flüchtlingen, zudem Berberfrauen

Vor gut zwei Monaten war es, da fiel beim Gießener Freiluft-Kunstspektakel »Fluss mit Flair« an der Wieseck ein kleiner Stand an der Löberstraße auf: Vorn, zum flanierenden und staunenden Publikum hin, lagen, wie vom Wind dorthin geweht, einzelne Rosenblätter, gebrannt aus rotem Ton, daneben ganze Blüten. Dahinter, in Augenhöhe mit dem Betrachter, ein lebensecht aussehendes Pärchen, das sich umarmt. Zum Abschied oder aus Anlass des Wiedersehens nach langer Zeit? Beides möglich. Dazwischen ein rundes Dutzend Büsten, Darstellungen von Köpfen und Gesichtern. Gefertigt aus Pappmachee (auf Hasendrahtkonstruktion), modelliert aus weißem oder erdfarbenem Ton und dann gebrannt, oder – quasi die Königsklasse – in Bronze gegossen. Inmitten dieser Szenerie die dem breiten Publikum weitgehend unbekannte Künstlerin: Helgrit Völpel aus Krofdorf-Gleiberg.

In Krofdorf-Gleiberg, wo sie mit ihrer Familie wohnt, kennt man ihre künstlerische Seite seit etlichen Jahren: Als ihre Kinder in die Grundschule gingen war sie gern gesehener Gast im Kunstunterricht. Mit den Kleinen fertigte sie allerlei Figuren aus Draht, Papier und Kleister plus Farbe: Drachen, Ritter, Bremer Stadtmusikanten, eine Spaßspinne und Flaschenkatzen, die zum Teil bis heute in den Schulfluren zu sehen sind.

Wo und wie das anfing, weiß Helgrit Völpel ganz genau: Als kleines Kind habe sie gern mit Knetmasse Figuren geformt, beispielsweise Tiere. »Das war und ist eine Gabe«, sagt sie auf die Frage, ob‘s Talent sei oder wo sie das gelernt habe. Vor 15 Jahren entdeckte sie Rosen als Leidenschaft – jene, die bei ihr so üppig im selbst gestalteten Garten blühen, und jene, die man aus Ton formt und brennt. Diese Blume habe eine ganz eigene Ästhetik. Am schönsten wirkt sie in der Anordnung einer von einzelnen Blättern umgebenen Blüte, wobei Verwitterung die Wirkung verstärkt.

Dann die nächste Herausforderung, die plastische Darstellung von Menschen, vornehmlich von deren Köpfen, deren Gesichtern. Es bedurfte einiger Versuche bis zum ersten Erfolgserlebnis. Ihr ging und geht es um Ausdruck, um Emotion und Stimmung, um den Blick. Das Gelingen des buchstäblichen Augenblickes sei dann »wie eine Erlösung« gewesen. Von da an habe sie konsequent Gefühlsmomente umsetzen können.

Und welche Emotionen sind es, die Helgrit Völpel ihren »Kindern« mit auf den Weg gibt? »Angst, Verstörtheit, Gleichgültigkeit, Misstrauen und Nachdenklichkeit«, listet sie auf, »aber auch Freude und Glück. Am liebsten viele verschiedene Empfindungen auf einmal.«

Am Anfang stehe »immer eine Idee von einem Menschen; vielleicht unbewusst wahrgenommen im Alltag, auf Reisen, beim Blättern in einer Zeitung«. Der Beginn kann indes auch von einer Stimmung beeinflusst sein: Die Sorge nach den Attentaten in Paris ließ sie sofort loslegen, nicht minder die Bilder, die traumatisierte Flüchtlingskinder zeigen. Aus diesen Empfindungslagen sind Werke entstanden, die den Betrachter gefangen nehmen und fesseln können.

Die Idee einer Form, eines Ausdrucks, einer Stimmung – sie bestimmt bei Völpel letztlich die Wahl des Materials. Der weiße, grobe Ton wirke im Auge des Betrachters weich und zart. Bronzeabgüsse hingegen erwachten erst durch gezieltes Bürsten zum Leben. Papierskulpturen hingegen lassen »mehr Form und Größe« zu. Trotz 100 Schichten Zeitungspapier überm Holz-/Drahtgestell gelange man übers Material zur Emotion. Wobei die Künstlerin einräumt, dass dies »schon sehr arbeitsaufwendig« sei, bis am Ende eine Skulptur bemalt, betupft und lackiert ihre Betrachter fesseln könne.

Eines steht für Völpel fest: »Formen macht Freude, macht glücklich. Das ist ein bisschen wie ein Wahn. Du kannst nicht aufhören!“

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