Argana

Dieser Brief zählt zu den vielen positiven Überraschungen, die wir mit „Marokko Momente“ erleben durften: Christoph Leisten aus Würselen schickte uns noch vor der Vernissage ein Ermutigungsschreiben und – zwei seiner Prosabändchen. Er war irgendwo im WWW auf uns aufmerksam geworden, hatte vom Ausstellungsprojekt erfahren – und hat uns mit seinen Worten bereichert.Am vergangenen Samstag wurde daraus eine Buchbesprechung in Gießener Allgemeine / Wetterauer Zeitung.

Notate, keine Festschreibungen

Der Mann kennt sich aus: Seit 1982 reist der Lyriker und Prosa-Autor Christoph Leisten (* 1960) regelmäßig nach Marokko. Seinen im Rimbaud Verlag erschienenen Prosaband »Marrakesch, Djemaa el Fna« (2005), eine literarische Annäherung an den titelgebenden Platz, hatte Stefan Weidner in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« »als große Schule der Wahrnehmung« gewürdigt. Das passt es, wenn Leistens frisches Werk »Argana. Notizen aus Marokko« (ebenfalls Rimbaud) kongenial auf einer Seite mit Martin Mosebachs Roman »Mogador« vorgestellt wird. Auch der gilt als genauer Wirklichkeitsbeobachter.

Mit seinen geschickt zusammengestellten Skizzen, Notizen und Prosaminiaturen aus mehr als drei Jahrzehnten vermittelt Leisten unbedingt den nachhaltigen Eindruck einer einzigen Reise durch Marokko. Die verbale Skizzensammlung ist das Ergebnis schmerzhafter Arbeit: Welcher Autor tut sich schon leicht damit, mindestens 500 bis 600 Seiten Material zu sichten mit dem Ziel, dass vielleicht ein Viertel davon verwendet werden kann? Leisten zeigt sich als sehr zurückhaltender Zeitgenosse. Allzu persönliche Begegnungen, Privatimes, blieben außen vor. »Reisen ist die Rückkehr an einen Ort, den es noch nicht gibt«, sagt er. Aber es sei immer auch »ein Eingriff in das andere der Kultur, in ihr eigenes, ihr ureigenes. Noch selbst, wenn ich darüber schreibe, drängt sich die Frage auf: Was nehme ich von diesem Land, indem ich darüber schreibe?«

Eine Antwort können wir ihm nicht liefern. Wohl aber halten wir fest, dass die in Marrakesch, Essaouira, Tamegroute, Taroudant, Casablanca, Zagora und Fès sowie im Hohen Atlas verorteten Notizen dem Lesenden etwas zutiefst Anregendes geben; von einer Größe, die an Cees Notebooms Reiseerzählungen erinnert.

Wie schauen sie aus, diese Notizen über die marokkanische Lebenswelt? Leisten legte beim Auswählen und Überarbeiten Wert darauf, den Texten das Notathafte und Fragmentarische zu lassen, das Unabgeschlossene und stilistisch Raue – unterm Strich also den Aufzeichnungscharakter. Dies aus gutem Grund, wie der Autor in einer Nachbetrachtung festhält: »Unsere Beobachtungen in einer anderen Kultur können (…) immer nur vorläufig sein, und ich möchte mich vor schnellen Festschreibungen hüten. Sie stehen mir – als Gast in dieser Welt – nicht zu.« So ist denn »Argana« ein inhaltlich wertvolles, gleichwohl leicht zu goutierendes Büchlein über ein seit Menschengedenken faszinierendes »Land, in dem Kontinuitäten und Veränderungen auf bemerkenswerte Weise miteinander einhergehen«. Wer es liest, auch zwischen den Zeilen, wird sich bisweilen in einer Andacht wähnen, wird innehalten und ins Grübeln geraten. Sehr gut!

Eben fertig gewesen mit diesen Apropos, da läutet das Telefon: „Hier Christoph Leisten ….“ Folgte noch eine Überraschung? Ja! Der gute Mann kommt übers Wochenende mit seiner Frau nach Wettenberg und macht am Sonntag von 15 Uhr an mit bei „Klang und Wort“, liest aus seinem aktuellen Buch. Kommt zahlreich!

12. Oktober 2016 / no.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s